Pflegemangel ist hochaktuell – und nicht neu. Genauso wenig wie Care-Migration.
Bereits in den 1950er- bis 1970er-Jahren fehlten der Bundesrepublik perspektivisch bis zu 250.000 Menschen im Pflegesektor. Die Suche in europäischen Nachbarländern scheiterte, weil sie selbst betroffen waren oder die Arbeitsbedingungen nicht attraktiv genug. Also begann Deutschland nach Asien zu blicken.
WHO CARED erzählt diese zumeist unsichtbare Geschichte.
[HIER BILD EINFÜGEN – Historisches Motiv Krankenhaus / Reise / Ankunft in Deutschland]
Bildunterschrift (optional): Pflege in Deutschland – 1950er/60er Jahre
Pflegenotstand und die Rettung aus Asien
Die Anwerbung ging von privaten, kirchlichen und staatlichen Institutionen aus. Pflegekräfte kamen vor allem aus drei asiatischen Ländern:
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Südkorea
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Philippinen
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Indien
In allen drei Fällen waren es meist junge Frauen, gerade mit der Schule fertig, die zum ersten Mal ihre Heimat verließen. Mit ein paar Kleidern im Koffer, der Hoffnung auf eine gute Ausbildung und die Möglichkeit, damit ihre Familie finanziell unterstützen zu können, traten sie eine Reise an, die ihr Leben – und das deutsche Gesundheitssystem – nachhaltig veränderte.
[HIER BILD EINFÜGEN – Koffer / Bahnhof / junge Frau / historische Reiseaufnahme]
Bildunterschrift: Aufbruch in ein unbekanntes Leben
Deutsche Migrationspolitik
Zuverlässige Zahlen darüber, wie viele Menschen auf diesem Weg aus Indien migrierten, gibt es nicht. Die meisten aber, soviel ist klar, kamen aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, in dem die größte christliche Bevölkerungsgruppe Indiens lebt. Die Anwerbung erfolgte überwiegend durch konfessionelle Krankenhäuser und Institutionen, die sich um Ausbildung und Unterbringung kümmerten.
Viele Frauen reisten mit zeitlich befristeten Verträgen ein. Anfang der 70er Jahre wurde es auf dem Arbeitsmarkt wieder enger, die Migrationspolitik in Westdeutschland restriktiver. Im Jahr 1977 bekamen einige Krankenschwestern einen Bescheid, dass ihre Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen in einem Jahr auslaufen würden.
Für viele war das ein Schock. Sie hatten sich ein Leben in Deutschland aufgebaut, geheiratet, ihre Ehemänner nach Deutschland gebracht, Kinder bekommen. Ihre Familien in Indien waren auf die sogenannten Rücküberweisungen ihrer Gehälter angewiesen. Darüber hinaus wurde die westdeutsche Krankenschwesternausbildung in Indien nicht anerkannt.
Einige der Frauen wehrten sich – mit Petitionen und offenen Briefen, teils unterstützt von ihren Arbeitgebern und Kolleg:innen – und konnten bleiben. Andere reisten dauerhaft aus oder kehrten später über Einzelverträge zurück nach Europa. (Anmerkung: Ergänzungen hier aus Urmilas Aufsatz)
Ob sie blieben, weiterzogen oder zurückkehrten: Ihre Geschichten markieren den Beginn von WHO CARED.
„Brown Angels“ und die Entstehung von WHO CARED
Die Kulturanthropologin Urmila Goel ist eine der wenigen Wissenschaftler:innen, die zur Migration der Krankenschwestern aus Kerala forscht, und zwar bereits seit Ende der 90er Jahre. Ihre Arbeit diente als Grundlage für viele Projekte in diesem Bereich, auch für WHO CARED.
[HIER VIELLEICHT UNTER JEDEM ABSCHNITT EIN BILD ODER EINE LINKBOX? Oder als angedeutete Timeline? Die drei Absätze bauen ja nicht alle direkt aufeinander auf, irgendwie hängen sie aber zusammen ]
2013 veröffentlichte die keralesische Filmemacherin Shiny Jacob Benjamin den Dokumentarfilm Translated Lives – A Migration Revisited. Der Film erzählt die Geschichte der Frauen, die bereits mit 15 oder 16 Jahren ihr Heimatland verließen – zu einer Zeit, in der so eine Mobilität für Frauen kaum denkbar war. Er spielt in Deutschland, war aber für ein indisches Publikum gedacht. Der Indian Express zitierte Benjamin damals mit folgenden Worten: “At a time when girls were not allowed to even set foot beyond their school or home, these girls were sent off to an alien land. I believe it is also the first women migration ever happened in the history of migration.“
Manoj Kurian (Masala Movement e.V.) und Ahjosh Elavumkal überarbeiteten den Film für ein europäisches Publikum. Beide sind Teil des WHO CARED-Teams Laut dem Ehemann einer der Krankenschwestern wurden die Frauen manchmal „Brown Angels“ genannt – daher der Titel des Films. https://www.youtube.com/watch?v=-gL-RS_T9AU
Auf Basis dieser Projekte und Forschung wuchs die Idee für ein Online-Archiv, das die Geschichten der Krankenschwestern umfassend dokumentiert – für ihre Kinder, für die Öffentlichkeit und für die Forschung.
Pflegemigration heute
Bis 2049 werden in Deutschland zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen. Schon heute stammt fast jede fünfte Pflegekraft aus dem Ausland. Die Zahl aus Indien stammenden Beschäftigten im gesamten Gesundheitswesen hat sich seit 2015 verzehnfacht.
Seit 2013 werben die Bundesagentur für Arbeit und die GIZ über das sogenannte Triple-Win-Abkommen gezielt Pflegekräfte aus Drittstaaten an. Seit 2023 werden erneut junge Menschen aus Kerala angeworben, um ihre Ausbildung in Deutschland zu absolvieren und hier zu arbeiten. Zuvor hatte die GIZ ein Pilotprojekt dazu durchgeführt.
Das Abkommen soll drei Seiten nützen:
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dem deutschen Gesundheitssystem
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den angeworbenen Pflegekräften
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den Herkunftsländern
Um Gesundheitssysteme weltweit vor einem Brain-Drain zu bewahren, führt die WHO eine Liste mit schutzbedürftigen Ländern. Seit Änderung der WHO-Kriterien im Jahr 2023 steht Indien nicht mehr auf dieser Liste.
Der Fall Kerala
Kerala hat seit dem 19. Jahrhundert eine starke Tradition in Bildung und Gesundheitsversorgung. Christliche Missionen etablierten früh Krankenhäuser und Pflegeschulen. Pflege entwickelte sich dadurch zu einem anerkannten, professionalisierten Beruf, insbesondere für Frauen.
Gleichzeitig bietet der Beruf im Inland wenig ökonomische Sicherheit. Niedrige Löhne, hohe Arbeitsbelastung und begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten zählen daher zu den sogenannten Push-Faktoren für Migration in diesem Bereich.
Zu den Pull-Faktoren gehört die dauerhaft hohe internationale Nachfrage nach Pflegepersonal, vor allem aus Europa, Nordamerika und den Golfstaaten, bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Unterstützt wird die Migration durch kirchliche, institutionelle und familiäre Netzwerke, die Ausbildung, Vermittlung und Ankunft im Ausland erleichtern.
Ausgewählte Quellen
Das Paper Recruiting Nurses from Kerala: On Gender, Racism, and the Nursing Profession in West Germany von Urmila Goel führt in die Geschichte der Migrationsgeschichte der Krankenschwestern ein und ist online verfügbar.
Es ist Teil des in Indien erschienenen Buches Who Cares? Care Extraction and the Struggles of Indian Health Workers, editiert von den Wissenschaftlerinnen Maya John und Christa Wichterich. Einige der Kapitel und weitere zum Fall Deutschlands kann man nach kostenfreier Registrierung online hier einsehen.
Der Sozial- und Kulturanthropologe sowie Religionswissenschaftler Antony Pattathu ist Mitglied des WHO CARED-Teams. In seiner Forschung untersucht er die Migrationsgeschichte katholischer Krankenschwestern aus Kerala und geht der Frage nach, wie Religion Identität und Geschlechterrollen in transnationalen Familiengeschichten prägt.
Tobias Santosh Grossmann hat das Thema Pflegemigration aus Kerala in seiner Dissertation Fachkräftemigration – Pflegenotstand – Nächstenliebe erforscht. In einem persönlichen Video erzählt er von seiner Forschung, die auch aus seinem eigenen Leben spricht.
Philomina Bloch-Chakkalakkal ist wissenschaftliche Assistentin an der Hochschule für Soziale Arbeit der FHNW. In ihrem Buch Unsichtbar unverzichtbar beleuchtet sie das Familien- und Berufsleben keralesischer Krankenschwestern in der Schweiz.
Im Archiv des Magazins Meine Welt gibt es viele Berichte zu den Krankenschwestern aus der damaligen und heutigen Zeit. Das Magazin wurde von 1984 – 2022 von dem Verein Deutsch-Indische Zusammenarbeit e.V. herausgegeben. Der Zugang fürs Archiv erfordert ein Passwort, das man unter meinewelt@diz-ev.de anfragen kann.
Der Mediendienst Integration hat ein umfangreiches und übersichtliches Factsheet Ausländische Ärzte und Pflegekräfte zusammengestellt, das laufend aktualisiert wird.
Der WHO-Report Migration of nursing and midwifery in Kerala (India) zeichnet die Geschichte von Pflegemigration aus Kerala nach und untersucht die Auswirkungen auf das lokale Gesundheitssystem.
Das halbstündige ARD-Format „Past Forward“ führt in die Geschichte der Krankenschwestern aus Korea, den Philippinen und Indien ein und setzt sie in Bezug zur heutigen Situation. Das Stück ist von 2022. Am Ende des Stückes sagt die Autorin Anna Dangel etwas, um das es auch bei WHO CARED geht:
„Genügend Pflegekräfte hatten wir noch nie. Auch ausländische Pflegekräfte allein konnten den Pflegemangel damals und heute nicht lösen. Trotzdem sind die Krankenhäuser aktuell so angewiesen auf sie wie noch nie. Deswegen verdienen sie Aufmerksamkeit. Genauso wie alle anderen Pflegekräfte, die jeden Tag ihr Bestes geben. Was also hilft gegen den Pflegemangel? Bessere Arbeitsbedingungen und Anerkennung auf allen Ebenen.“